NIHIL, oder Alle Zeit der Welt

NIHILmain
16mm; 54min; schwarz/weiß; West-Berlin 1988

PREMIERE: Hofer Filmtage 1987

PREISE: – „Best Filmmusic – 2nd Price“ NINO ROTA-Festival, Trossingen 1989, – „Honorable Jury-Mention“ Maritime Filmtage, Wilhelmshaven 1989

“NIHIL…” lässt sich direkt HIER als VoD-Stream anschauen!

„… und stimme ein Lied an,
von jenseits des Grabes.“
Lautreamont”

Sie sind zu fünft. Susan ist tot. Sie sind vier. Mark liegt vom Herrscher des Wassermonopols gefangen in den Kellern der Wasserfabrik. Sie sind zu dritt um ihn zu befreien. In einer anderen Zelle entdecken sie zufällig den Einarmigen. Das Ein-zell-wesen …

Feuer, Wasser und die Insel. Ein geschlagenes Kreuz. Ein Apfel, wunde Hände und die rotierende Flasche.
Keine Richtung – irgendwo.
Die Vision ertrinkt einmal mehr.

Ein parabelhafter Alptraum aus dem Berlin 1986. Zu spät.

Dieser Kultfilm aus dem Berlin der späten 80er Jahre, der wie kein anderer das damals vorherrschende Weltbild vermittelt, erzählt in poetischen Schwarzweißbildern, in der Tradition des expressionistischen deutschen Films a la F.W.Murnau von den Gefühlen und Stimmungen jener Zeit. Eindrucksvoll untermalt von den grandiosen Klangcollagen des ‘Einstürzenden Neubauten’-Musikers Alexander Hacke.
(M. Schmölz)

Pressestimmen

Endzeit, Zukunftslosigkeit, Fin de Siecle als Fin du Monde. Die Welt und ihre Sicherheiten brechen auseinander. Uli M Schueppels erster, im Rahmen seiner Ausbildung an der Deutschen Filmakademie entstandener Spielfilm ‘Nihil…’ wird nun ins Kino gebracht. (…)
Im Chaos hilft nur der Glaube. In ‘Nihil…’ mündet die Ausweglosigkeit der Stimmung nicht in dröge Lethargie, sondern in konzentrierte, fast minimalistische Mystik. Den Rahmen bildet ein nur indirektes, mittelbares Berlin, zusammengefügt aus den gerade noch erkennbaren Versatzstücken des Bestehenden, wieder zerrissen durch die gezielte Einseitigkeigkeit der Auswahl, die Licht und Dunkel ebenso eint wie gegeneinander ausspielt. Durch Keller und dunkle Gassen, durch ein einsames Niemandsland der Städte, führt der Weg in die helle Welt des Watts. über allem liegen die metallisch sirrenden Klänge, die Musik von Alexander Hacke.
Der Film formuliert, überlässt nichts dem Zufall, erklärt aber auch nicht. Ein kurzer Film: 50 Minuten, die ausreichen, eine Welt zu kreieren.

Der Tagesspiegel; Anke Sterneborg; 1988

KULTISCH – SEHENSWERT. (…) ‘Nihil…’ dieses eigentümlich magische Werk ist nur dem Gesichtspunkt einer bestimmten ‘Berliner Szene’ zu verstehen. Risiko, Blixa Bargeld, Einstürzende Neubauten und das ewige Geistern durch die Nacht… ‘Nihil’ handelt von der Sehnsucht, die laut Bargeld ‘die einzje Energie’ ist. (…)
In düsteren Bildern, die an die Tradition des deutschen expressionistischen Films, vor allem Murnau anknüpfen, wird die ziemlich lapidare Geschichte erzählt, bzw. eben nicht erzählt, sondern in symbolträchtigen Figuren elliptisch umschifft. Nun ist der Bruch mit dem langweiligen Erzählkino inzwischen uralt, aber DFFB-Studen Schueppel zeigt, dass dabei auch noch mal etwas Neues herauskommen kann. (…)
Mir scheint dieser Film doch eine ganz neue Art der musikalischen Bildverarbeitung, und eine neue Art der nicht bloß untermalenden Filmmusik zu bieten. (…)

TIP; Eraserhead; 23/88

ZWISCHENZEITLICH – Eine Ballade (…), ein dramatisches, in Strophen unterteiltes (Film-)Gedicht. Die Form ordnet sich nicht dem Inhalt unter, ist genauso wichtig wie die einzelnen Handlungsmotive: die ausdrucksstarke, fast expressionistische Schwarzweiß-Fotografie, die düstere Musik (…), die teilweise ins Surreale übersteigerte Bildsymbolik, die resignative Stimmung. Ein Film zwischen den Zeiten. Zwischen Tradition und Avantgarde. (…) Und ein Film über die Zeiten, in denen die Zeitebenen ineinander fließen und sich schließlich unentwirrbar vermischen (…).

Zitty; Georg Lacher-Remy; 23/88

MURNAU GOES UNDERGROUND. Abenteuergeschichte und Bilderrätsel zugleich ist mit ‘Nihil…’ dem jungen DFFB-Studenten Uli M Schueppel ein beatliches Werk gelungen. (,,,) Düster schwarz-weiß (…) kann der in seiner expressiv-bohrenden Intensität – musikalisch prägnant von Alexander Hacke unterstützt – durchaus ein Lebensgefühl dieser Zeit wiederspiegeln. (…)”

Volksblatt Berlin; Ronald Glomb; 1988

(…) An diese Tradition des Bildaufbaus und der Bildgestaltung ebenso wie an eine expressionistische Erzählweise knüpft Schueppel bewusst an. In ausdrucksstarken Cadragen und Perspektiven sind die Bilder seines Films aufgenommen und vermitteln dem Zuschauer jenen ästetischen Eindruck, dem der Film als Medium seinen besonderen Einfluß auf unser Sehen verdankt. Es ist eben nicht diese Massenware visueller Grausamkeiten, (…)

FilmFaust; Bion Steinborn;1988

Es beginnt ein bisschen wie Lautreamonts Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch: ein toter Fisch, ein Apfel, drei Glasaugen, eine brennende Bibel, Hände, die etwas am Strand vergraben. Alsbald entsteht in Uli M Schueppels Film eine Geschichte: vier junge Menschen auf einer unsicher-hoffnungsvollen Reise. Der Weg führt durch ein zusammengesetztes Niemandsland, das eine eher spirituelle, übergeordnete Verbindung zu Berlin hat, (…) Wenig ist erklärt, alles trägt zur Stimmung bei, düster, morbid, geheimnisvoll. Religiös, mystisch, poetisch. ‘Nihil…’ von einem Filmhochschüler (…) ist eine Art europäischer Underground-Tarkowskij, doch ohne damit Bekanntes zu wiederholen oder auch nur zu zitieren.

Der Tagesspiegel; Anke Sterneborg; 1988

Der Film führt, in extrem stilisierten, atmosphärisch dichten Bildern, in eine künstlische Welt. Das Lebensgefühl, das er vermittelt, zeugt – deutlich geprägt durch Erlebnisse und Erfahrungen nach Tschernobyl – von Trotz gegen Resignation, von Kraft zum Widerstand. Aber der Film gaukelt nichts vor: Wie die Menschen ihre Götter und Götzen schaffen, so schaffen sie auch ihre Hoffnungen, utopien, Illusionen. In ‘Nihil…’ wird die Konstruktion sichtbar: als Konstruiertes, der Traum erkennbar: als Geträumtes. Ein Lob auch dafür, dass der Film wieder einmal daran erinnert, welche Besondere Bedeutung die Farbe Schwarz für das Kino hat.

Belobigung der Jury; Dr. Norbert Grob; Wilhelmshavener Maritime Filmtage 89